Protagonisten und Hintergrund

„Ich frage mich, wo er ist, mein Freund. Er sagte doch, er wäre hier zu dieser Jahreszeit…“ (Aus einem Lied nach einem Gedicht von Pootha Thēvanār, Kurunthokai 285)

„Hallo, Jay?

Hier ist Sundari.“

„Was ist eigentlich genau passiert?“

„Ich weiß es nicht, Jay.

Die Polizei hat gesagt, es wäre Selbstmord.

Er hätte sich selbst erwürgt, weil sie ihn verhaftet haben.

So steht es im Totenschein.

Die Leute behaupten, er hätte sich wegen Eheproblemen umgebracht.

Aber wie kann es meine Schuld sein, wenn er in Dubai war und ich hier?“

Baskaran arbeitet als Arbeitsmigrant in Dubai, um seinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Er kündigt seine Rückkehr an, meldet sich dann aber lange nicht mehr. Völlig unvermittelt kommt die Nachricht von seinem Tod. Für seine Ehefrau Sundari bricht die Welt zusammen. Sie gerät mit ihren beiden Kindern, den Zwillingen Hemalatha und Hemachandran, in große Existenznot. Wie geht das Leben weiter für Sundari, die sich als Witwe plötzlich auf der untersten Stufe der indischen Gesellschaft wiederfindet, immer begleitet von der quälenden Frage, was wirklich passiert ist, in der fernen Welt der Großbaustellen und Migrantensiedlungen?

Die Filmemacher Jayakrishnan Subramanian und Franziska Schönenberger, Autoren und Protagonisten des preisgekrönten Publikumslieblings „Amma und Appa“, machen sich auf den Weg nach Cuddalore in der indischen Provinz Tamil Nadu. Sie wollen herausfinden, was wirklich geschehen ist und Sundari auf ihrem schwierigen Weg in ihr neues Leben begleiten.

Eine dokumentarische und poetische Spurensuche beginnt. Wer kannte Baskaran? Wer könnte etwas wissen? Was könnte geschehen sein? Wieviele Wahrheiten gibt es und für welche entscheidet man sich? Schon in den ersten Bildern wird klar, dass diese Suche keine rein sozialinvestigative sein wird. Auch wenn viele Gespräche mit Familienangehörigen, Kollegen, Betroffenen und Aktivisten geführt werden und verdeckt in Dubai recherchiert wird.

Es wird eine archetypische Reise werden zu den Kreisläufen des Lebens und des Sterbens, eine Reflexion über Lebenszwänge, Schicksal und die Kraft, weiterzuleben.

Archetypisch wie die Seelenlandschaften Sundaris: die Felder, auf denen sie mit ihren bloßen Händen hart arbeitet, das offene Feuer, auf dem sie das Essen für ihre Familie kocht, die Hindu-Rituale, die Baskarans Seele retten sollen. Der Bildgestalter Chris Aoun zeichnet mit seiner Kamera mehr als dass er filmt, ein Spiel von Licht und Schatten in warmen Erdfarben. Angekommen in der tamilischen Palai-Wüste wechseln die Farben ins Pastellige, Zarte: in den Sanddünen stehen Palmen, Cashewbäume und zerbrochene indische Tongötter. Ein Ort, der eine mythische Brücke zu Baskarans Leben in Dubai darstellt, so wie auch das traditionelle tamilische Palai Gedicht:

Palai – Wüste ist Bestandteil der fünf Landschaften oder Liebessituationen in der alttamilischen Liebesdichtung der Sangam- Literatur (entstanden zwischen dem 1. Jh. vor Chr. und dem 3. Jh. nach Chr.). Jede Landschaft (Berge, Weideland, Ackerland, Küste und Wüste) sind jeweils mit einer Liebessituation assoziiert. Palai steht für die Trennung zweier Liebender.

Das Gedicht erzählt von der Sehnsucht zweier Liebender, die sich Lebewohl sagen mussten, da der Liebste in ein fernes Land gezogen ist, um für seine Liebste Reichtum zu gewinnen. Zurück bleibt ein trauerndes Mädchen, das den Verlust und den Schmerz der Trennung kaum überwinden kann.

Die Lieder des Films greifen das traditionelle Gedicht auf, zeitgenössisch interpretiert von der jungen tamilischen Sängerin Bindhumalini Narayanaswamy, komponiert und eingespielt vom tamilischen Musiker Vedanth Bharadwaj.

Der Film wird zur Allegorie und zeitgenössischen Darstellung des Palai-Gedichtes. Die Landschaft der Wüste im Film, in der auch Sundari und ihre Kinder leben, wird zur Metapher der Trauer über Trennung und Verlust sowie zum Sinnbild des Kampfes einer Mutter für ihre Kinder und ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die Schatten, die über der Wüste liegen, zeigt der Film mit einer eigenen, herausragenden wie verstörenden Ebene: Skizzen Jays, die im Laufe der Dreharbeiten entstanden, sind Grundlage für 2D- Animationen im Graphic Novel-Stil, in Grautönen mit wenigen Begleitfarben, animiert vom Filmemacher selbst. Sie zeichnen Stationen und mögliche Varianten des Lebens und Sterbens Baskarans. Sein Abschied, sein Alltag in Dubai, sein ungewisser Tod – die Animationen zeigen, was im Dokumentarfilm sonst unzeigbar ist. Sie schauen nicht weg, sie berühren und rütteln auf.

Baskarans Schicksal steht für das Schicksal aller Arbeitsmigranten, die sich in ihrer Sehnsucht nach einem besseren Leben von nichts und niemand abhalten lassen, auch wenn die Hürden riesig und die Chancen gering sind. Es steht für das Schicksal vieler Menschen, die in Armut, geringer Bildung und Perspektivlosigkeit leben und deshalb ihr Glück woanders suchen und Ausbeutung und moderne Sklaverei in Kauf nehmen.

Im Laufe der Films wird klar, wer die wahren Leidtragenden sind: die Hinterbliebenen, die Witwen der Arbeitsmigranten und ihre Kinder. Witwen werden in Indien diskriminiert und gering geachtet, abergläubisch als Unglücksbringer ausgegrenzt, von der Gesellschaft verstoßen.

Sundari gibt nicht auf. Sie arbeitet hart, um zu überleben. Und, allen Widerständen zum Trotz, wird aus der häuslichen, dem Mann unterworfenen Ehefrau nun eine selbstbestimmte Frau. Die Zukunft ist ungewiss, aber Sundari hat gelernt, ihr selbstbewusst und mutig entgegenzutreten.

Ysabel Fantou

Soziale Hintergründe

Migrant Workers – Arbeitsmigranten im Nahen Osten

Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation und der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat machen sich viele, meist ungelernte, Arbeiter aus Indien und den angrenzenden südasiatischen Ländern auf den Weg in die Golfstaaten, in der Hoffnung, dort genügend Geld zu verdienen, um zu bescheidenem Wohlstand zu gelangen und die Familien zu Hause versorgen zu können. Arbeitsmigranten sind im Nahen Osten sehr gesucht: Mindestens zwei Drittel beträgt der Anteil an ausländischen Arbeitnehmern in diesen Ländern, in Dubai beinahe 90%.

Doch bereits die Eintrittskarte in die Golfstaaten ist sehr teuer. Denn nicht die Unternehmen, die Arbeiter suchen, zahlen für die Bewerbersuche und -vermittlung, sondern die Arbeitnehmer selbst. Sie müssen selbst für alles aufkommen, z.B. für ihr Arbeitsvisum, ihre Reisekosten und die Gebühren der Personalagenturen in den Heimatländern. Aufgrund der hohen Kosten, oft mehrere Tausend Dollar, verschulden sich die meisten Wanderarbeiter und müssen lange Zeit zunächst ihre Schulden abarbeiten, bevor etwas übrig bleibt und sie Geld nach Hause schicken können.

Die Regierungen der Heimatländer tun wenig, um an diesem System etwas zu ändern, profitieren sie doch vom Geld, das durch die Wanderarbeiter ins Land gespült wird. Gegenwärtig leben etwa 8 Millionen Arbeitsmigranten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, davon über 3 Millionen Inder.

Das Kafala-System

In den 1930er Jahren entstand das Kafala-System auf Grundlage der arabischen Gastfreundschaft, wandelte sich aber schnell zu einem sklavenähnlichen Verhältnis: Jeder ausländische Arbeitnehmer, der in einem Land im Nahen Osten arbeiten möchte, benötigt einen Bürgen, den so genannten Kafil. Nur von ihm darf der Ausländer (Kafali) angestellt werden, der Bürge entscheidet darüber, wo derjenige wohnt und wie lange er im Land bleibt. Heutzutage ist der Arbeitgeber, der den Ausländer anstellt, der Kafil. Bei der Einreise nimmt er den Pass des Ausländers an sich und behält ihn so lange, bis der Arbeiter mit seinem Einverständnis wieder ausreist.

Durch das Kafalasystem sind die Arbeitsmigranten ihren Bürgen praktisch ausgeliefert und es ist so gut wie unmöglich, den Arbeitgeber zu wechseln. Geht das Unternehmen in Konkurs oder sind für die Arbeitnehmer die Wohn- und Arbeitsbedingungen unerträglich, wird es problematisch, denn die Pässe bleiben stets beim ersten Arbeitgeber. Ist das erste Arbeitsverhältnis beendet, führt der Weg direkt in die rechtsfreie Illegalität und weitgehende Hoffnungslosigkeit. Viele Migranten würden gerne ausreisen, können aber nicht, da sie keinen Pass haben. Auf der anderen Seite ist es sehr problematisch, sich wegen sozialer Ungerechtigkeiten oder Missständen auf der Baustelle mit dem Kafil anzulegen, kann er doch jederzeit die Ausweisung veranlassen.

In regelmäßigen Abständen erlassen mittlerweile die arabischen  Emirate ein Amnestieprogramm für Illegale, derzeit etwa 60000. Für Viele ist es die einzige Chance, zurück in die Heimat zu gelangen.

Arbeits- und Wohnbedingungen für Arbeitsmigranten

Die Arbeiter wohnen in sogenannten Labour Camps, eigens gebauten, sehr einfachen Siedlungen am Rande der Städte, unsichtbar für Touristen und Einheimische. Es ist nicht selten, dass sich über 100 Arbeiter eine Toilette und einen Kühlschrank teilen. Morgens werden die Arbeiter in Bussen abgeholt und zur Baustelle gefahren, abends wieder zurückgebracht. Die Arbeitsbedingungen sind hart, die Hitze groß und Arbeitsschutz wird stark vernachlässigt. Zwischen 2005 und 2015 starben nach offiziellen Angaben mehr als 30000 Inder in den Golfstaaten, in 2017 begangen mehr als 300 Selbstmord.

Situation der Frauen und Witwen in Indien

In weiten Teilen der indischen Gesellschaft sind immer noch sehr traditionelle, hierarchische und patriarchalische Wertvorstellungen bestimmend. Die Gemeinschaft und die Familie zählen mehr als das Individuum, arrangierte Hochzeiten werden selbst in höheren Schichten von gut ausgebildeten jungen Leuten bevorzugt.

Frauen werden in vielerlei Hinsicht diskriminiert. Von 133 auf Geschlechtergleichheit untersuchten Ländern ist Indien auf Platz 101 (Quelle: World Economic Forum). Es gibt einen weitaus größeren Männeranteil in der Bevölkerung, 35 Millionen Frauen fehlen. In manchen Regionen Indiens gibt es weniger als ein Drittel Frauenanteil. Bereits in der Schwangerschaft werden viele weibliche Föten abgetrieben, denn ein Mädchen gilt als Unglück, da die Familie für seine teure Mitgift aufkommen muss. Noch mehr Mädchen sterben in der Kindheit an Unterernährung und Krankheiten, weil sie oft weniger gut versorgt werden als ihre Brüder.

Hat eine junge Frau das heiratsfähige Alter erreicht, zieht sie nach der Hochzeit zur Familie ihres Ehemannes. Es wird von ihr erwartet, dass sie die Haushaltsarbeit macht und sich auch um die Schwiegereltern kümmert. Innerfamiliäre Gewalt und Mitgift- morde (weil die Schwiegerfamilie die Mitgift als zu gering erachtet und sich von einer neuerlichen Heirat mehr verspricht) prägen nach wie vor das Bild Indiens. Jede fünfte Frau ist häuslicher Gewalt ausgesetzt. Heirat, Mutterschaft und zunehmendes Alter bieten Schutz innerhalb der familiären und gesellschaftlichen Struktur – es sei denn, man ist verwitwet.

Witwen gelten als gesellschaftlich nutzlos und sind ohne rechtlichen und sozialen Schutz der Ablehnung der Schwieger- familie und dem Aberglauben der Gesellschaft ausgesetzt. In ihre eigene Familie können sie meist nicht mehr zurück. Im besten Fall kümmert sich die Familie des verstorbenen Ehemannes um die Witwe, oft aber wird sie verstoßen und lebt in großer Armut am Rande der Gesellschaft den sozialen Tod, ist mittellos, bekommt ihr rechtmäßiges Erbe nicht und hat keine Krankenversorgung.