Über den Film

Junge Männer in der Fremde. Sie arbeiten mit oder ohne Vertrag und hoffen auf finanziellen Erfolg. Sie arbeiten in einem reichen Land und sie werden schlecht bezahlt. Manche schicken Geld nach Hause, manche nicht. Manche sehen ihre Familien ein-, zweimal im Jahr, manche noch seltener und manche nie wieder. Sie überleben einen Konflikt nicht, sie sterben bei einem Arbeitsunfall – oder sie begehen Selbstmord, um nicht den zuhause gebliebenen Familien die eigene Erfolglosigkeit eingestehen zu müssen. Einer von ihnen ist Baskaran. Er kommt aus Indien und arbeitet in Dubai. Dort stirbt er.

Manches davon ist uns auch in Europa nicht fremd. Wir wissen, dass Ausbeutung nie ein lokales Phänomen ist – aber wir wissen wenig, wie diese mörderische Abhängigkeit in einem anderen Teil der Welt aussieht.

Der Film „Die Schatten der Wüste“ zeigt uns nur Fragmente vom Ort der Ausbeutung. Viel wichtiger ist der Ort der Überlebenden, die Heimat. Sundari, die Hauptperson, wirkt im Film vertraut, fast familiär. Sie ist die junge Witwe Baskarans, der angeblich Selbstmord begangen hat, und sie ist die Cousine von Jay, einem der beiden Filmemacher. Der Blick auf den Ort des Geschehens ist weder distanziert noch abenteuerlich. Er ist Teil von Jays Heimat.

„We both left our home at the same time, Baskaran went to Dubai as a construction worker, I went to Germany to become a filmmaker.“ Franziska, die zweite Filmemacherin, kommt aus Deutschland. Beide, Jay und sie, gehen zu den Dreharbeiten nach Indien. Er in die Heimat, sie in die Fremde. Diese beiden Perspektiven machen den Film ungewöhnlich. Sie machen ihn reich.

Es gibt Regeln, Gesetze und Verabredungen zur Arbeit des Autors, auch im Bereich des dokumentarischen Erzählens. Spannend wird es dann, wenn Regeln gebrochen und Grenzen überschritten werden.

„Die Schatten der Wüste“ beginnt wie eine große Inszenierung. Wir sehen den stummen Blick des Erzählers am Telefon. Wir sehen Krähen in der Wüste. Dann die Zeichnung vom Gesicht des toten Mannes. Die Zeichnung brennt – aber sie verbrennt nicht. Im Gegenteil: Die Flammen machen das Gesicht erst kenntlich.

Das ist das Wesentliche (nicht nur) beim Dokumentarfilm: Er berichtet oder erzählt – aber er erklärt nicht. Ihn interessiert nicht die Vollständigkeit. Er belässt es bei Fragmenten und fordert uns, die Zuschauer, heraus, diese Fragmente zu verbinden und mit unseren eigenen Erfahrungen abzugleichen. Und wenn alles gut geht, dann sind wir schlauer geworden, oder tatendurstiger, oder wütender. Im besten Falle alles zusammen…

Prof. Heiner Stadler

Director’s Note

Vor drei Jahren erhielt ich diesen verstörenden Anruf, an den ich mich heute noch ganz genau erinnere. Meine Mutter erzählte mir, dass der Ehemann meiner Cousine Sundari als Bauarbeiter in Dubai vermisst wäre. Meine Cousine sei völlig verzweifelt, da sie seit drei Monaten kein Lebenszeichen erhalten habe. Nun wollten meine Eltern mich um Hilfe bitten. Sie wussten, dass einige meiner Freunde auch in Dubai gearbeitet haben. Ich rief daraufhin einige meiner Bekannten an, doch ohne Ergebnis. Dann einige Zeit später wieder ein Anruf meiner Mutter: Es stünde fest, dass der Ehemann meiner Cousine tot sei. Er solle sich erhängt haben. Seine Leiche liege seit Monaten in einer Leichenhalle in Dubai.

Baskaran war 35 Jahre alt, als er starb, das gleiche Alter, das ich heute habe. Ich lebe in Deutschland, bin auch ein Migrant, aber unter ganz anderen Bedingungen. Baskarans Geschichte liess mich nicht mehr los und ich begann nachzuforschen. In den Vereinigten Emiraten töteten sich im letzten Jahr 91 Arbeitnehmer. Die meisten von ihnen kamen ursprünglich aus den indischen Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu, wo auch ich herstamme. Im Jahr 2010, als Baskaran starb, waren es nach Angaben der indischen Regierung 132 Selbstmorde.

Mir geht es weniger darum, die Umstände von Baskarans Tod zu klären oder in Dubai herauszufinden, was genau passiert ist. Ich möchte nicht anklagen und auch nicht aufdecken. Ich möchte vom Leben meiner Cousine Sundari und ihrer beiden Kinder erzählen. Von ihrem täglichen Kampf, mit dieser Tragödie fertig zu werden, von ihrem Schmerz. Aber auch von ihrer Kraft, nicht aufzugeben.

Jayakrishnan Subramanian

Niemand hat Sundari ihr ganzes Leben nach ihrer Meinung oder ihren Wünschen und Träumen gefragt. Das möchte ich mit diesem Film tun. Ich möchte einer Frau zuhören, der bisher noch nie jemand zugehört hat. Ich habe mich entschlossen, Sundari mit diesem Film eine Stimme zu verleihen. Sie steht exemplarisch für tausende zurückgelassene Frauen und Familien in Indien und anderen Ländern der dritten Welt.

Ich hoffe, dass Sundari mit Hilfe unseres Films Trost empfinden kann und sich Ihr Leben und das Leben ihrer Kinder wieder etwas normalisiert. Vielleicht schafft sie es sogar darüber hinaus, ein neues, hoffnungsvolles Leben zu beginnen und ihren Kindern trotz der Schwierigkeiten eine gute Ausbildung zu ermöglichen, damit sich ihr Schicksal nicht wiederholt. Natürlich ist meine Sicht auch eine westliche Sicht. Ich möchte deshalb auch eine für mich fremde Kultur in dem Film verstehen lernen. Ich bin selbst mit einem Inder verheiratet und stelle mir vor, dass Jayakrishnan, wenn seine Eltern nicht ihr gesamtes Geld in seine Ausbildung investiert hätten, ebenfalls als ungelernter Arbeiter auf einer Großbaustelle gelandet wäre. Baskaran war fünfunddreißig Jahre alt, genauso alt wie mein Mann heute ist. Der Schlüssel, diesem Teufelskreis aus Armut zu entfliehen, ist wahrscheinlich nur Bildung, vor allem für Frauen. Auch Sundari wäre gerne in die Schule gegangen, doch ihre Eltern haben es ihr nicht erlaubt.

Wir alle sehen mit großer Begeisterung Fußball-Großereignisse, wie die Weltmeisterschaft in Brasilien im Fernsehen, oder genießen den Luxus, bei einem Badeurlaub am persischen Golf. Ohne darüber nachzudenken, auf wessen Rücken die prächtigen Stadien und Hotelburgen gebaut wurden. Vielleicht kann aber eine solche Geschichte mit einem persönlichen Zugang für diese Probleme Bewusstsein schaffen und uns durch emotionale Anteilnahme vor Augen führen, welche Schicksale sich hinter einer glitzernden Fassade befinden können.

Franziska Schönenberger

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